Polizeistrategien – Licht in Berlins dunkle Ecken

In der Berliner Zeitung am 05. Januar 2012 erschienen:

GEFÄHRLICHE ORTE Licht in Berlins dunkle Ecken
Von Stefan Strauss

BERLIN –
Eine Architektin soll der Polizei dabei helfen, gefährliche Orte in Berlin sicherer zu machen. Dazu schaut sie sich die dunklen Ecken der Stadt an und berät bei der Umgestaltung der Orte.

Viele Menschen meiden dunkle und verwahrloste Orte. Sie flößen ihnen Angst ein, sie fühlen sich unsicher dort. Kriminelle mögen solche Gegenden, weil sie dort unbeobachtet sind, es kaum soziale Kontrolle gibt und sie Straftaten begehen können. So die Erfahrung der Polizei. Seit Jahren versuchen die Mitarbeiter der Zentralstelle für Prävention, die dunklen Ecken dieser Stadt zu beseitigen. Attraktiv und hell sollen sie werden, damit die Menschen sich dort wieder wohl und sicher fühlen. „Wir wollen diese Orte so gestalten, dass dort niemand mehr Straftaten begehen kann“, sagt Kriminaloberrätin Tanja Knapp, Leiterin Strategische Prävention beim Landeskriminalamt Berlin.

Jetzt hat sich die Polizei eine Expertin ins Haus geholt. Die Architektin Ingrid Hermannsdörfer arbeitet nun im Bereich Städtebauliche Kriminalprävention. Durch bauliche Veränderungen Straftaten in der Stadt zu verhindern ist „das neue strategische Ziel der Berliner Polizei“ sagt die amtierende Polizeipräsidentin Margarete Koppers.

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Architektin Ingrid Hermannsdörfer

Dem bösen Mann das Versteck klauen

Die Architektin schaut sich die dunklen Ecken der Stadt an. Nicht nur am Tag, auch in der Nacht ist sie mit Polizisten unterwegs. Sie berät Mitarbeiter in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, in den Bezirksämtern und beim Quartiermanagement, sie ist dabei, wenn neue Häuser geplant, Plätze und Parks umgestaltet werden.

Sauber soll es dort sein, Hecken, Büsche und Sträucher sollen kurz gehalten werden, nicht bis zum Weg reichen. Übersichtlichkeit ist wichtig fürs Sicherheitsgefühl. Im Weinbergspark in Mitte war dieses Konzept erfolgreich, die Drogendealer hatten keine Verstecke mehr.

Ingrid Hermannsdörfer kennt die Orte, die Menschen wegen der hohen Kriminalität besser meiden. Manchmal kann man schon mit wenig Aufwand viel erreichen, sagt sie. Auf dem Hermannplatz in Neukölln würde es reichen, Bänke umzustellen. „Trinkern und Drogendealern soll der Aufenthalt ungemütlicher gemacht werden“, sagt sie. Beim Bau der Wildwuchsfläche für Kinder („Naturerfahrungsraum“) am Gleisdreieck prüfte die Architektin, ob die unübersichtliche Fläche wirklich sicher ist, ob sie eingezäunt und bewacht werden müsse. Gab es Sexualstraftaten in der Nähe? Ist das Gebiet ein Ort für Drogenhändler oder Pädophile? Das alles prüft die Stadtplanerin. „So einen Park legt man doch nicht an, wenn es dahinter einen Straßenstrich gibt.“

Bei der Planung sämtlicher Großprojekte der Stadt sind Hermannsdörfer und ihre Polizeikollegen dabei – ob es um die Nachnutzung des Flughafens Tegel geht, um die Bebauung des Areals Heidestraße oder um den Europaplatz. In fünf Parkanlagen, darunter dem Görlitzer Park in Kreuzberg, werden jetzt auf Empfehlung von Hermannsdörfer Gehwege besser beleuchtet. Mit den Verkehrsbetrieben verhandelt sie über sicheres Fahrradparken an Orten, wo ständig Räder gestohlen werden.

Unterführungen werden zugeschüttet

Die Polizei sieht in der neuen Kollegin einen enormen Imagegewinn. Die Vorschläge der Polizei an die Verwaltungen würden jetzt viel ernster genommen, heißt es. Bisher klagten die Polizeibeamten über „mangelnde Akzeptanz“. Polizisten sind nun mal keine Stadtplaner und finden sich nicht in Bauplänen zurecht. Das erledigt nun die Architektin für die Polizei. Und sie schult die Kollegen. Mittlerweile gibt es in jedem Polizeiabschnitt einen Beamten, der sich im Bereich Städtebauliche Kriminalprävention auskennt.

1982 beendete Ingrid Hermannsdörfer ihr Architekturstudium mit einem Vortrag zum Thema „Präventive Architektur und Planung“. „Sicherheit spielte damals keine Rolle in der Architektur“, sagt sie. Unterführungen seien damals in Großstädten modern gewesen. Inzwischen werden sie zugeschüttet, wie vor sechs Jahren am Alexanderplatz.

(Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/berlin/gefaehrliche-orte-licht-in-berlins-dunkle-ecken,10809148,11396676.html )